Die Geschichte des Druckens · Heft 02
Buchdruck in Luxemburg: eine Geschichte des Austauschs
Von den ersten Werkstätten bis zu digitalisierten Zeitungen erzählen Lettern von einem Land, in dem Bücher, Sprachen und Nachrichten Grenzen überschreiten.

Bücher von anderswo
Luxemburgs Druckgeschichte beginnt mit einer Unterscheidung: Ein Buch zu besitzen und es herzustellen sind zwei verschiedene Geschichten. Die Nationalbibliothek Luxemburg bewahrt etwa zweihundert Inkunabeln auf, Bücher, die vor 1501 gedruckt wurden. Ihre Anwesenheit in den Sammlungen belegt keine örtliche Druckwerkstatt im 15. Jahrhundert. Sie eröffnet vielmehr eine Untersuchung der Herstellungsorte, Besitzer und Wege jedes Exemplars.
Ein von der BnL beschriebener Band liefert einen konkreten Hinweis: 1497 von Martin Flach in Straßburg gedruckte Predigten tragen einen handschriftlichen Besitzvermerk aus Echternach, datiert auf das späte 15. oder frühe 16. Jahrhundert. Das Objekt verbindet damit eine auswärtige Herstellung mit einer Spur örtlichen Besitzes. Bei Drucken vor 1800 berücksichtigt die BnL zudem Drucker, die im ehemaligen Herzogtum Luxemburg tätig waren. Dieser historische Rahmen entspricht nicht den Grenzen des heutigen Landes.
Quellen: Bibliothèque nationale du Luxembourg · Bibliothèque nationale du Luxembourg
1598: eine Werkstatt und ihre Nachfolger
Der erste Meilenstein des örtlichen Druckgewerbes ist ein am 10. April 1598 an Matthias Birthon erteiltes Patent, im Kulturhuef Mathias Birton genannt. Die Darstellung des Korpus Luxemburger Drucke durch die Ruhr-Universität Bochum macht die weitere Geschichte der Werkstatt nachvollziehbar. Nach dem Tod des Druckers sechs Jahre später führt seine Witwe den Betrieb bis 1618 weiter. Sie gehört damit ganz zu dieser frühen Berufsgeschichte, auch wenn die Darstellung ihren Vornamen nicht nennt.
Am 18. Juli 1618 erhält Hubert Reulandt aus Sankt Vith seinerseits die Erlaubnis, eine Druckerei zu errichten. Er übernimmt die Lettern und Vignetten der Werkstatt Birthon; die Übernahme der Presse selbst wird von den Forschern als wahrscheinlich bezeichnet. Sein letzter bekannter Luxemburger Druck stammt von 1638. Nach einer langen Unterbrechung eröffnet Andreas Chevalier 1686 eine neue Werkstatt und druckt zunächst auf Latein und Französisch; der nächste im Korpus verzeichnete deutschsprachige Druck stammt von 1703. Die Chronologie zeigt also Weitergaben und Brüche statt eines stetigen Wachstums seit einem einzigen Gründungsakt.
Quellen: Ruhr-Universität Bochum · Kulturhuef — Musée luxembourgeois de l’imprimerie et de la carte à jouer
In Grevenmacher für das Spiel drucken
Luxemburger Druckerzeugnisse nehmen auch die Form von Gegenständen an, die man fächerförmig in der Hand hält. 1754 lässt sich Jean Dieudonné in Grevenmacher nieder und gründet eine Spielkartenmanufaktur. Laut Kulturhuef richtet sich die Produktion vor allem an ausländische Märkte. Seine Nachkommen führen das Gewerbe fort, bis Jean-Paul Dieudonné die Herstellung 1880 beendet.
Die erhaltenen Druckstöcke, bedruckten Bogen und Werkzeuge machen diese Tätigkeit greifbar. Sie erinnern daran, dass die Druckgeschichte über Buch und Zeitung hinausgeht: Sie umfasst auch Bilder, die wiederholt, ausgeschnitten, verteilt und im Alltag verwendet werden. Diese Karten geben der Erzählung einen anderen Ausgangspunkt, am Spieltisch und im Export.
Quellen: Kulturhuef — Musée luxembourgeois de l’imprimerie et de la carte à jouer
Die Presse erkennt man auch an ihren Buchstaben
Im 19. Jahrhundert bieten Zeitungen einen besonders reichen Einblick in die Druckkultur. Ein Beispiel ist das Luxemburger Wort, das 1848 nach Gewährung der Pressefreiheit im katholischen Umfeld gegründet wird. Die auf dem Hochschulportal Infolux veröffentlichte Studie von Peter Gilles verfolgt seinen Zeitungskopf seit der Ausgabe vom 23. März 1848. Sie vergleicht die Titelköpfe der ersten Seite im Zeitraum 1848–1980.
Das Ergebnis verschiebt den Blick: Der Name der Zeitung bleibt erkennbar, doch seine Buchstaben verändern sich. Im 19. Jahrhundert wechselt Fraktur mit einer Didot, einer serifenlosen Form und anschließend einer Egyptienne. Während der nationalsozialistischen Besatzung erscheint eine Antiqua, bevor der Titel 1944 wieder in Fraktur gesetzt wird. Diese Veränderungen laden dazu ein, eine Seite als grafisches Objekt ebenso wie als Text zu lesen. Typografie trägt zu ihrer Identität bei und kann auch Spuren einer politischen Epoche tragen.
Quellen: Infolux — Université du Luxembourg
Nach der Presse beginnt die Reise des Papiers
Ist das Blatt hergestellt, muss es noch jemanden erreichen. Die Postgeschichte fügt dieser Erzählung einen weiteren Faden hinzu. POST Luxembourg datiert die Gründung der Postverwaltung auf 1842, die Ausgabe der ersten luxemburgischen Briefmarke auf 1852 und die Beteiligung des Landes als Gründungsmitglied des Weltpostvereins auf 1874. Diese Daten betreffen bestimmte Einrichtungen und Dienste; sie bedeuten nicht, dass jede Beförderung von Post erst 1842 beginnt.
Diese beiden Geschichten lassen sich gemeinsam lesen, ohne sie zu verwechseln: Die Werkstatt vervielfältigt Exemplare, während das Postnetz deren Transport organisiert. Die Briefmarke verkörpert eine Dienstleistung auf einem kleinen, selbst bedruckten Stück Papier. Brief und Zeitung erinnern damit daran, dass ein Dokument seinen Sinn auch aus der Beziehung zwischen Hersteller und Empfänger gewinnt.
Quellen: POST Luxembourg
Ein Kulturerbe, das praktiziert wird
Im Kulturhuef in Grevenmacher verleiht die Maschinensammlung dieser Geschichte eine materielle Gegenwart. Zu den hervorgehobenen Stücken gehören die Linotype und die Heidelberger Tiegeldruckpresse. Öffentliche Workshops und Künstlerresidenzen ermöglichen zudem die Arbeit an historischen Pressen. Das Kulturerbe bleibt mit dem Handgriff verbunden: einfärben, Druck ausüben, den Abdruck entdecken. Eine fertige Seite verbirgt die Arbeit, die sie möglich gemacht hat; die Werkstatt rückt sie wieder in den Vordergrund.
Quellen: Kulturhuef — Musée luxembourgeois de l’imprimerie et de la carte à jouer
Papier wird auch zum durchsuchbaren Archiv
An der BnL entwickelt sich eine weitere Form der Weitergabe: 2006 beginnt die Digitalisierung historischer Zeitungen mit optischer Zeichenerkennung. Das Bild der Seite wird von durchsuchbarem Text begleitet. Diese Umwandlung erleichtert die Recherche, bewahrt jedoch die Schwierigkeiten des Originaldokuments. Beschädigtes Papier oder ein falsch erkannter Buchstabe kann ein Wort für die Suchmaschine unsichtbar machen, obwohl es auf der Seite lesbar bleibt.
Die BnL hat Nautilus-OCR entwickelt, um diese Transkriptionen zu verbessern. Sie bietet außerdem gemeinfreie Zeitungsbestände in Form von Bildern, Texten und Metadaten an. So lässt sich eine Ausgabe als Ganzes betrachten oder ihre Artikel einzeln untersuchen. Das Dokument behält über die automatisch extrahierten Wörter hinaus ein Erscheinungsbild, eine Struktur und eine Herkunft.
Dieses digitale Gedächtnis trifft auf eine alte Eigenschaft des Landes: Mehrere Sprachen können auf derselben Seite nebeneinanderstehen. 2023 ergänzt eluxemburgensia einen Sprachfilter und erläutert zugleich die Grenzen der automatischen Erkennung, insbesondere bei mehrsprachigen Artikeln. Suchen, lesen und zum Original zurückkehren bleiben einander ergänzende Tätigkeiten. Vom in Echternach gekennzeichneten Exemplar bis zur aus der Ferne eingesehenen Zeitung zieht sich durch diese Geschichte der Faden der Übergänge: zwischen Sprachen, zwischen Lesern, zwischen Medien.
Quellen: Bibliothèque nationale du Luxembourg · Bibliothèque nationale du Luxembourg — Open Data · Bibliothèque nationale du Luxembourg
Weiterlesen
Quellen & weiterführende Literatur.
Die folgenden Links führen zu den Daten, Objekten und Sammlungen, die in dieser Geschichte erwähnt werden.
- Fonds des imprimés rares et précieux Bibliothèque nationale du Luxembourg
- L’imprimé du XVe siècle à la BnL — Christophe Marinheiro, 10 juillet 2026 Bibliothèque nationale du Luxembourg
- Korpus Luxemburger Drucke Ruhr-Universität Bochum
- Expositions permanentes : Gutenberg Revisited et Dieudonné Kulturhuef — Musée luxembourgeois de l’imprimerie et de la carte à jouer
- Geschichte der Schriftwechsel im « Luxemburger Wort » (1848–1980) — Peter Gilles, 25 mai 2026 Infolux — Université du Luxembourg
- L’histoire de POST Luxembourg POST Luxembourg
- Nouveau logiciel pour la reconnaissance optique de caractères — 26 juillet 2021 Bibliothèque nationale du Luxembourg
- Historical Newspapers — jeux de données et documentation Bibliothèque nationale du Luxembourg — Open Data
- La recherche par langue désormais disponible sur eluxemburgensia.lu — 27 avril 2023 Bibliothèque nationale du Luxembourg
